Der langjährige Leiter des Atominstitut Wien geht von einer chemischen Explosion in Folge der Kernschmelze aus.

quelle: focus.deNach der Explosion und dem Einsturz des Daches des schwerbeschädigten Atomkraftwerk Fukushima 1 in Japan ist der Wiener Atomexperte Helmut Rauch überzeugt, dass es sich um einen “Größten Anzunehmenden Unfall” (GAU) handelt. Die APA bat den langjährigen Leiter des Atominstituts in Wien um eine Einschätzung der Lage:

Herr Prof. Rauch, was passiert Ihrer Meinung nach derzeit im japanischen Atomkraftwerk Fukushima?
Rauch:
Es sieht tatsächlich so aus, dass es zu einer Kernschmelze gekommen ist, weil offensichtlich die Notkühlsysteme nicht mehr funktioniert haben. Auch wenn der Reaktor abgeschalten wurde, überhitzt die sogenannte Nachzerfallswärme den Reaktorkern, sodass die Brennstäbe immer heißer werden, bis es zu einer Schmelze kommt. Ab einem bestimmten Punkt wird dabei Wasser zerlegt und es entsteht Wasserstoff, der in Verbindung mit Sauerstoff hochexplosiv ist (Knallgas, Anm.). Das ist meistens die Hauptursache, dass es zu einer chemischen Explosion kommt, die den Sicherheitsbehälter und auch die Außenhaut zerstören kann, möglicherweise weil diese auch durch das Erdbeben beschädigt war. Natürlich könnte das Containment auch durch ein Nachbeben eingestürzt sein, das kann man im Moment nicht sagen. Beim Unfall im US-Kernkraftwerk Three-Mile-Island 1979 konnte man eine solche Wasserstoff-Explosion noch ganz knapp verhindern. Das war in Japan offensichtlich nicht mehr möglich, weil es wahrscheinlich durch das Erdbeben zu einer Menge anderer Beschädigungen gekommen ist.

Was sind die Folgen?
Natürlich können dann schon größere Mengen an Radioaktivität austreten. Das ist genau das, was man als GAU bezeichnet, als “Größter Anzunehmender Unfall”. Ich glaube, das ist der derzeitige Stand.

Was wird dabei freigesetzt?
Am problematischsten sind zunächst einmal die gasförmigen, radioaktiven Substanzen wie Jod und Cäsium. Die verursachen in dieser Phase die meisten Probleme. Man kann sich mit den bekannten Jod-Tabletten schützen, sodass sich das radioaktive Jod nicht im Körper festsetzen kann. Hauptproblem ist alles, was man inhaliert. Deshalb macht es Sinn, dass die Leute in ihren Wohnungen bleiben, bis die radioaktive Wolke abgezogen ist und sich die Lage etwas entspannt hat.

Könnte man solche Unfälle verhindern?
Bei der neuen Generation an Kernkraftwerken, wie sie etwa in Finnland gebaut werden, den sogenannte EPR-Reaktoren (Europäischer Druckwasserreaktor, Anm.), wird eine Kernschmelze voll beherrscht. Dort kann der Kern schmelzen, wird im Containment festgehalten und durch normale Konvektion gekühlt. Da werden keine Pumpen für die Kühlung benötigt. Vielleicht zeigt sich nun, dass eine weitere Sicherheitsstufe mit solch passiven Systemen doch gerechtfertigt wäre.

Können Sie beurteilen, ob in Japan Fehler gemacht wurden?
In so einer Situation würde ich von Schuldzuweisungen absehen. Wenn man gesehen hat, in welcher psychischen Situation die Leute sind – dass da immer das beste gemacht wird, ist glaube ich eine Illusion.

Passiert in Fukushima das gleiche wie in Tschernobyl 1986?

Da gibt es große Unterschiede. Einerseits handelt es sich um ganz andere Reaktortypen. Und in Tschernobyl fand eine unkontrollierte Kettenreaktion statt, bevor es zur Kernschmelze gekommen ist. In Tschernobyl hat es eine Art nukleare Explosion gegeben, in Fukushima offensichtlich eine chemische Explosion. Die Folgen sind aber in beiden Fällen ungefähr gleich, es wird das radioaktive Inventar des Reaktors freigesetzt.

Welche Auswirkungen hat dieses Freisetzen radioaktiven Materials auf die Umwelt?
Das hängt hauptsächlich von den meteorologischen Bedingungen ab. Die Japaner könnten das Glück haben, dass die radioaktive Wolke auf den Ozean hinausweht. Der Großteil des Materials würde dann in das Meer kommen, und das wäre unproblematisch. Europa ist zu weit entfernt, um gefährdet zu sein. Aber man wird das auch bei uns messen können.

Kann man in dieser Phase noch etwas tun?
Ich sehe da eigentlich keine Möglichkeiten, noch etwas zu tun. Man kann sich nicht in unmittelbarer Nähe des Reaktors aufhalten. In einer ersten Phase kann man aus der Luft irgendein Material abwerfen, um den Reaktor abzudecken. Das sind keine perfekten Maßnahmen, aber sie hätten den Vorteil, dass man sich dem Kraftwerk wieder besser nähern kann.

Quelle: kurier/ APA